{"id":393,"date":"2020-04-24T20:33:31","date_gmt":"2020-04-24T18:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.panama-sh.com\/wp\/?p=393"},"modified":"2022-07-13T18:42:48","modified_gmt":"2022-07-13T16:42:48","slug":"disney-und-dystopie-%e2%88%92-rachel-maclean-in-kiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/panama-sh.com\/wp\/disney-und-dystopie-%e2%88%92-rachel-maclean-in-kiel\/","title":{"rendered":"Disney und Dystopie \u2212 Rachel Maclean in Kiel"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"has-text-color wp-block-heading\" style=\"color:#0b2582\">In den \u00fcberzuckerten Filmwelten der schottischen Multimedia-K\u00fcnstlerin Rachel Maclean ist nichts, wie es scheint.<\/h3>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted has-light-gray-background-color has-background\"><em>Der nachfolgende Bericht \u00fcber die Ausstellung in der Kunsthalle zu Kiel entstand im Auftrag der Kunstmarktzeitung \u201eKunst und Auktionen\u201c. Ver\u00f6ffentlicht wurde er am 9. April 2020 im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH &amp; Co KG, Hamburg.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Genau genommen ist ihr Umfang sp\u00e4rlich \u2212 blo\u00df eine Handvoll Werke! Was diese Schau wirklich gro\u00dfartig macht, ist neben ihrem Ausstellungsdesign die Tatsache, dass in ihr hochaktuelle Diskurse zusammen treffen. <\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>\u201eRachel Maclean ist in vielerlei Hinsicht die K\u00fcnstlerin der Stunde\u201c; verk\u00fcndet Dr. Anette H\u00fcsch, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel. Die Multimedia K\u00fcnstlerin wurde 1987 in Edinburgh geboren. Dort studierte sie Malerei und Zeichnung. Seit 2011 nimmt Rachel Maclean an Filmfestivals teil. 2017 repr\u00e4sentierte sie ihr Land auf der Biennale in Venedig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufmacher des sorgsam inszenierten Parcours ist der Brexit, eine zerm\u00fcrbende Saga, die mit dem Referendum vor knapp vier Jahren einsetzte. Zur Er\u00f6ffnung dieser Ausstellung lag der EU-Austritt der Briten erst zwei Wochen zur\u00fcck. Das Thema war also noch \u201ehei\u00df\u201c; es beherrschte die Medien. Und so spiegelt es sich im Design: Riesige gemalte Union Jacks \u00fcberziehen die haushohen W\u00e4nde im Erdgeschoss. Teppichboden nimmt den Rotton der britischen Flagge auf, was Besuchern den Eindruck vermittelt, in einer Echokammer zu stehen. In dieses rei\u00dferische Ambiente platzierte Rachel Maclean ihre j\u00fcngsten Arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-396\" srcset=\"https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-300x200.jpg 300w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-768x512.jpg 768w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Maclean-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Rachel Maclean bei der Pressekonferenz am 13. Februar 2020 in der Kunsthalle zu Kiel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201e<a href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/native-animals\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Native Animals<\/a>\u201c umfasst rund zwei Dutzend kreuz und quer \u00fcber die W\u00e4nde verteilte Tafelbilder und eine Video-Installation. Letztere wird \u00fcber acht Flachmonitore im separaten Raum abgespielt. Eingefasst in wei\u00dfe, manieristische Holzrahmen, h\u00e4ngen sie wie \u00d6lgem\u00e4lde an dessen W\u00e4nden. Auf ihnen agiert jeweils eine der Tierfiguren aus Rachel Macleans Brexit-Erz\u00e4hlung. Jede steht exemplarisch f\u00fcr eine gesellschaftliche Gruppe des sozial gespaltenen K\u00f6nigreichs. Gemeinsam lauschen sie der Nationalhymne. Pl\u00f6tzlich unterbricht der Brexiteer sein unfl\u00e4tiges R\u00fclpsen und Grunzen, um ins Gel\u00e4chter zu fallen. Welche der Charaktere sich ihm anschlie\u00dfen und welche nicht, wer \u00fcber wen lacht, darauf kommt es in dieser Groteske an.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Rollen in ihren Videos spielt die K\u00fcnstlerin selbst. Sie entwirft deren opulente Kost\u00fcme und Masken, filmt per Greenscreen Verfahren und malt sich den Rest digital aus. Die oben erw\u00e4hnten Tafelbilder sind professionelle Prints und ebenfalls Ergebnis dieses Prozesses. Fotos, Filmstills und 3D Modelle flossen als Vorlagen in deren Gestaltung ein. Digitales Malen nutzt hochkomplexe Grafiksoftware. Es imitiert traditionelle Mal- und Zeichentechniken und gilt als aufstrebende Kunstform, findet aber meist nur in Filmen oder Computerspielen Anwendung. In Kiel erh\u00e4lt Digitale Malerei museale Anerkennung. Rachel Macleans \u201eNative Animals\u201c gehen als Schenkung in die Sammlung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Arbeitsweise der Schottin passt die Technologie der Virtual Reality. \u201eDen wirklichen Raum t\u00e4uschen echt zu erweitern\u201c, holt Dr. H\u00fcsch beim Erreichen der Installation aus, sei Teil einer langen Tradition in der Kunstgeschichte. Deren Anf\u00e4nge l\u00e4gen in Ausmalungen antiker Villen, erl\u00e4utert sie, w\u00e4hrend wir uns die VR-Brillen aufsetzen, um einzutauchen in eine Szenerie aus britischen Pound-Shop Souvenirs. In \u201e<a href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/im-terribly-sorry\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">I\u00b4m terribly sorry<\/a>\u201c (2018) herrscht Untergangsstimmung. Der dreidimensionale Kunstraum ist bev\u00f6lkert mit Figuren, auf deren Hals ein Smartphone sitzt. Im N\u00e4herkommen h\u00f6ren wir ihre Sprachnachrichten. Sie sind durchtr\u00e4nkt von sozialen Spannungen der Brexit-\u00c4ra.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-398\" srcset=\"https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-300x200.jpg 300w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-768x512.jpg 768w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/panama-sh.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/VR-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Raum mit zwei VR-Brillen zur Einzelbetrachtung von Rachel Macleans <br>Installation &#8222;I&#8217;m terribly sorry&#8220; von 2018<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Babyrosa W\u00e4nde und hellblauer Teppichboden markieren den Schwerpunktwechsel innerhalb der Ausstellung. Er liegt hier auf \u201eCuteness\u201c, ein weltweit popul\u00e4res \u00c4sthetikkonzept. Es betont Unschuld und Kindlichkeit. In digital verfremdeten Selbstbildnissen nimmt Rachel Maclean die Sehnsucht nach ewiger Jugend auf. Ihre vierteilige Printserie \u201e<a href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/mending-a-face\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mending a face<\/a>\u201c hat den Charme von Leuchtreklamen an Bushaltestellen. In ihr seziert sie das Thema Sch\u00f6nheitsoperation.<\/p>\n\n\n\n<p>Niedlicher wird es in zwei Kabinetten. Dort laufen Videos, darunter \u201e<a href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/feed-me\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Feed Me<\/a>\u201c eine 60-min\u00fctige Arbeit aus 2015 \u00fcber den Zusammenhang zwischen Kommerzialisierung und Sexualisierung von Kindheit. Auch \u201eGerms\u201c k\u00fcndet von unheilvollen Versprechen in Zeiten des Neokapitalismus. Und \u201e<a href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/eyes-2-me\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Eyes 2 me<\/a>\u201c zeigt die Brutalit\u00e4t einer Filmwelt, in der M\u00e4nner bis heute das Sagen haben. Bei Vimeo registrierte Mitglieder k\u00f6nnen alle diese Arbeiten streamen. Die Links zu Trailern sowie auch alle hier erw\u00e4hnten Prints findet man auf Rachel Macleans Webseite und in ihrem Instagram Account.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den noch jungen Erkenntnissen der Cute Studies z\u00e4hlt das Ph\u00e4nomen der \u201eCute Agression\u201c. In \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.rachelmaclean.com\/too-cute\/\" target=\"_blank\">Too Cute<\/a>\u201c verk\u00f6rpert Rachel Maclean eine Dozentin. W\u00e4hrend sie \u00fcber das Niedliche spricht, wird sie von Gef\u00fchlen \u00fcbermannt und k\u00f6pft ein Kuscheltier. Neurowissenschaftler fanden heraus, erkl\u00e4rt Joshua Paul Dale in seinem Katalogbeitrag, dass Niedliches dazu diene, Geselligkeit und Wohlbefinden zu bef\u00f6rdern. Sei jedoch etwas zu s\u00fc\u00df, so der Begr\u00fcnder der Cute Studies, entz\u00f6gen wir uns dem durch gezielte Aggression. Die mache uns wieder handlungsf\u00e4hig. In der narrativen Tradition unserer M\u00e4rchen herrscht daher zwischen Grausamkeit und Gl\u00fcck stets ein Spannungszustand. Den braucht die Fantasiewelt des digitalen Raumes nicht. Wen k\u00f6nnten wir verletzen? Au\u00dfer uns selbst.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Katalog: Hatje Cantz Verlag, Berlin. 184 Seiten.<\/li><li>Die Schau mit Werken von Rachel Maclean l\u00e4uft bis 6. September 2020<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den \u00fcberzuckerten Filmwelten der schottischen Multimedia-K\u00fcnstlerin Rachel Maclean ist nichts, wie es scheint. 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