{"id":315,"date":"2008-10-25T16:17:09","date_gmt":"2008-10-25T14:17:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.panama-sh.com\/wp\/?p=315"},"modified":"2019-07-04T13:59:06","modified_gmt":"2019-07-04T11:59:06","slug":"nicht-mal-zeit-fuer-ne-katze-was-bachelor-studiengaenge-dem-kuenstlernachwuchs-abverlangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/panama-sh.com\/wp\/nicht-mal-zeit-fuer-ne-katze-was-bachelor-studiengaenge-dem-kuenstlernachwuchs-abverlangen\/","title":{"rendered":"Nicht mal Zeit f\u00fcr \u00b4ne Katze &#8211; Was Bachelor-Studieng\u00e4nge dem K\u00fcnstlernachwuchs abverlangen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der nachfolgende Bericht \u00fcber die Muthesius Kunsthochschule in Kiel entstand 2009 im Auftrag der  Kunstmarktzeitung \u201eKunst und Auktionen\u201c. Ver\u00f6ffentlicht wurde er am 24. Oktober im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH &amp; Co KG, Hamburg.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2008 k\u00f6nnen Autos fliegen. Vor zehn Jahren nahmen Experten das an. Daran, dass das Internet die Welt im Fluge erobern w\u00fcrde, dachte keiner von denen, die im Auftrag des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr System- und Innovationsforschung (ISI) befragt wurden. Vor allem die soziale Komponente dieses Mediums untersch\u00e4tzten alle, den nun greifbaren Erfolg von Singleb\u00f6rsen, Freunde-Suchmaschinen oder globalen Business-Netzwerken wie XING, bei dem Benutzer einander nicht sehen k\u00f6nnen. Sie sprechen nicht mal mit einander. Dennoch nutzen sechs Millionen Menschen dieses Portal. Ein Wahnsinn, wer h\u00e4tte sich das ausmalen k\u00f6nnen &#8211; ein K\u00fcnstler? Wir h\u00e4tten ihn f\u00fcr verr\u00fcckt gehalten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Jede Epoche produziert eigene Fragestellungen. Vor hundert Jahren, als unsere Schule gegr\u00fcndet wurde, herrschte das Zeitalter der Mechanik. Hermann Muthesius rief den Werkbund ins Leben. Das war eine Reaktion auf die Folgen der Industrialisierung &#8211; wie den Mangel an Sorgfalt bei der Herstellung und den Verlust von Individualit\u00e4t. Diese Schule begann als &lt;St\u00e4dtische Handwerkerschule zu Kiel&gt;. Seit 1947 tr\u00e4gt sie seinen Namen. Damals besch\u00e4ftigte sich ein Gestalter mit Geometrie und Handwerkzeugen. Die Situation heute ist eine total andere. Wirklich aufregende Neuerungen, wahrhaftige Herausforderungen erleben wir in der Digitalisierung unserer Arbeitsinstrumente. Es entstehen Dinge, die das Auge nicht sieht, nie sehen wird, und die wir selbst mit den H\u00e4nden nicht mehr herstellen. Das ist momentan die treibende Kraft in der Welt. Darauf haben wir bei der Umgestaltung zur Muthesius Kunsthochschule reagiert&#8220;, erkl\u00e4rt ihr erster Pr\u00e4sident, Prof. Dipl-Ing. Rainer W. Ernst. Bis 2004 war er Rektor der Kunsthochschule Berlin (KHB) in Wei\u00dfensee. Er ist Architekt wie Reformer Hermann Muthesius.<\/p>\n\n\n\n<p>2005 erfolgte die Anerkennung als Muthesius Kunsthochschule und ihre Aufnahme in den Kreis der 24 etablierten deutschen Kunstakademien. Die Hochschule steht seit ihrer Gr\u00fcndung f\u00fcr eine projektorientierte und praktische Ausbildung sowie den engen Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden. Sie wirbt mit ihrem innovativen Studienkonzept in den Bereichen Design, Raumstrategien und Freier Kunst. Zum Wintersemester 2005 schrieben sich die ersten Studenten f\u00fcr die neuen Bachelor-Studieng\u00e4nge Freie Kunst, Industriedesign, Kommunikationsdesign und Interior Design ein. 2007 errang die Schule das Promotionsrecht. Diesen Februar wurde Prof. Ernst zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Ende des Sommersemesters absolvieren 78 junge Leute ihren Abschluss, darunter die ersten sieben Bachelor of Fine Arts (B.F.A.) und zwanzig Bachelor of Arts (B.A.). Sechs Semester brauchte jeder vor ihnen. Das entspricht exakt dem Plan.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des Wintersemesters Mitte Oktober kommen weit \u00fcber hundert Neue, darunter die ersten f\u00fcnfzig, die einen Master anstreben. In der Kunsthochschullandschaft geh\u00f6rt die mit einer Gesamtzahl von 550 Studierenden eher kleine Muthesius Kunsthochschule damit zu den Vorreitern. Das Aufbaustudium mit dem Ziel Master of Arts ist auf den Zeitraum von vier Semestern angelegt. Angeboten wird Industriedesign mit den Schwerpunkten Medical Design und Interface Design. Im Kommunikationsdesign kann ein Master besondere Kompetenzprofile im Informations- und Editorial Design oder im Fach Technisches Bild erwerben. Zur Wahl stehen ferner ein Studiengang in Freier Kunst und das Master-Programm Raumstrategien, mit dem auf die zunehmende Medialisierung des \u00f6ffentlichen und privaten Raumes reagiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir besch\u00e4ftigen uns dauernd mit Dingen, die noch nicht sind&#8220;, erinnert Ernst und unterstreicht damit die Besonderheit der k\u00fcnstlerischen Hochschulen sowie der Forschung und Wissenschaft im Allgemeinen. &#8222;Das birgt ein enormes Risiko. Keiner wei\u00df, was bei unseren Forschungen in diesem Bereich heraus kommen wird. Berufsbilder \u00e4ndern sich. Zwar l\u00e4sst sich eine steigende Nachfrage nach qualifizierten Hochschulabsolventen in diesem interdisziplin\u00e4rem Bereich feststellen. Aber ob wir mit unserem bewusst transdisziplin\u00e4ren Curriculum richtig liegen, l\u00e4\u00dft sich erst im R\u00fcckblick beurteilen.&#8220; Er bringt Erfahrungen aus Berlin mit. An der KHB Wei\u00dfensee gibt es &lt;Raumstrategien&gt; als zweij\u00e4hrigen Masterstudiengang. Den leitete er fr\u00fcher. Voraussetzung f\u00fcr die Bewerbung ist dort, neben der auch in Kiel \u00fcblichen k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Eignung sowie dem abgeschlossenen Hochschulstudium, ein Mindestalter von 25 Jahren samt berufspraktischer Erfahrung \u00fcber mindestens ein Jahr. Die Teilnahme am Ausbildungsprogramm in Berlin kostet 1.000 Euro pro Semester.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer in Kiel angenommen wurde, zahlt nichts dazu, sondern tr\u00e4gt lediglich seine Materialkosten. Bei Abschlussarbeiten summieren sich die allerdings zu hohen Betr\u00e4gen. Tausend Euro sind im Industriedesign flugs verbraucht. Gl\u00fccklich, wer mit seiner Arbeit eine der viel zu wenigen, dotierten Auszeichnungen im Kunst- oder Designbereich gewinnen kann, um Schulden zu tilgen. Denn nebenher zu arbeiten, ist beim Bachelor-Studium nahezu unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Staatliches Kindergeld plus BAf\u00f6G, ab und an mal einen Nebenverdienst am Wochenende, knapp 700 Euro im Monat reichen zum Studieren in Kiel, sagen die, die es wissen m\u00fcssen. Es sind angehende Drittsemester. \u00dcppig sei das nicht, und wenn man nicht \u00fcber die Krankenkasse der Eltern mitversichert ist, dann wird es verflixt eng. &#8222;Besonders schwer haben es jene, die die Regelstudienzeit von sechs Semestern \u00fcberschreiten&#8220;, denkt jemand im Arbeitsraum laut nach, &#8222;und dann ohne finanzielle Unterst\u00fctzung ihr Studium zu Ende bringen m\u00fcssen.&#8220; Wie soll das blo\u00df gehen? Na, den Gedanken streichen wir jetzt besser. So etwas wird schon nicht passieren. Kennt Ihr Studenten, die zwischendurch Eltern wurden? &#8222;Ja, eine Frau, die hat dann ihr Studium abgebrochen&#8220;, erinnert sich Kim, &#8222;da ist keine Zeit f\u00fcr.&#8220; Und Maria erg\u00e4nzt: &#8222;Du findest nicht mal Zeit f\u00fcr \u00b4ne Katze&#8220;. Schallendes Gel\u00e4chter.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Einblick &#8211; Ausblick<\/h4>\n\n\n\n<p>Die beiden geh\u00f6ren zum Team aus sieben Studierenden, die zum Ende des vergangenen Semesters &#8222;Einblick &#8211; Ausblick&#8220; organisierten, die traditionelle Jahresausstellung der Kunsthochschule. F\u00fcr dieses Engagement ging das Halbjahr drauf. Ihr Einsatz soll mit Credits belohnt werden. Das sind Anrechnungspunkte (ECTS) f\u00fcr Projektarbeit, von denen jeder am Ende des Studiums 180 vorweisen muss. F\u00fcr drei\u00dfig Stunden gibt es einen Creditpoint. Auf 13 pro Kopf hofft die Gruppe. Genaueres wei\u00df niemand. Noch ist vorlesungsfreie Zeit. Wie war die zus\u00e4tzliche Arbeit zu bew\u00e4ltigen, neben dem festen Curriculum? &#8222;Die Professoren kamen uns dadurch entgegen, dass wir Projektarbeiten sp\u00e4ter als andere nachreichen d\u00fcrfen&#8220;, gibt das Team Auskunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Lisa zeigt den letzten Stundenplan f\u00fcr Zweitsemester im Kommunikationsdesign. Blankes Entsetzen: Das sieht aus wie die schlechte Fortsetzung von Schule! \u00dcber die Werktage verteilt finden sich jeweils zwischen 9 und 21:30 Uhr Bl\u00f6cke mit Doppelstunden. Dienstags und mittwochs allein f\u00fcnf hintereinander, unterbrochen von halbst\u00fcndigen Pausen f\u00fcr den Raumwechsel sowie der Mittagspause. Lisa rechnet alle ihre Pflichtstunden zusammen und kommt auf 26,5 pro Woche. Dazu belegte sie Wahlkurse. Fachenglisch ist beliebt. Manche Kurse werden blo\u00df einmal im Jahr angeboten. Entscheidet sie sich aus Zeitmangel dagegen, muss sie lange auf die n\u00e4chste Chance warten. Nebenher soll sie selbst\u00e4ndig Aufgaben bearbeiten. &#8222;Es ist eigentlich mehr als ein Vollzeitjob&#8220;, meint sie. &#8222;Das Problem ist, dass wir so viele verschiedene Sachen machen m\u00fcssen und nichts richtig vertiefen k\u00f6nnen&#8220;, gibt Maria zu bedenken. Sie studiert Interior Design. &#8222;Da hat man keine Zeit f\u00fcr eigene Recherchen oder sich selbst mal etwas beizubringen. Man macht alles nur so gut wie es eben geht. Habe ich dazwischen mal \u00b4ne Stunde Leerlauf, stehe ich trotzdem unter Strom und denke, was mache ich denn jetzt. Ich muss doch irgendwas machen. Das geht doch nicht.&#8220; Marleen pflichtet Maria bei: &#8222;Man wird darauf getrimmt, oft zu arbeiten und viel&#8220;. Was ist mit Schw\u00e4nzen? &#8222;Das merken die&#8220;, wirft Kim ein, &#8222;es sind ja kleine Gruppen&#8220;. Lisa gibt ein Beispiel: &#8222;Man war zweimal nicht da bei der \u00f6ffentlichen Korrektur, die anderen machen Fortschritte im Projekt und Du hast Deines drei Wochen nicht gezeigt, dann hat man schon seinen R\u00fcffel weg: Es w\u00e4re doch jetzt wichtiger, sich auf die Uni zu konzentrieren und so&#8230;&#8220; Das sei aber kein Stress, eigentlich auch notwendig und Fehlen ohnehin doof, weil jeder sich auf das Treffen freue. Am Rand erg\u00e4ben sich Privatgespr\u00e4che, und man verabrede sich zu Arbeitsgruppen, um sich gegenseitig zu motivieren. Wenn die funktionierende Gemeinschaft ein solch entscheidender Faktor in diesem System ist, wie leicht f\u00e4llt der Wechsel an eine andere Hochschule, zum Beispiel f\u00fcr ein Auslandssemester?<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichbarkeit zu schaffen, war das eine, was sich EU-Politiker 1998 dabei dachten, als sie festlegten, bis zum Jahr 2010 alle Hochschulen im EU-Raum einheitlich umbauen zu lassen f\u00fcr ein System aus Bachelor- und Master-Abschl\u00fcssen. Die Mobilit\u00e4t anzuregen, war das andere. &#8222;Ich werde nicht wechseln&#8220;, wei\u00df Maria, &#8222;anderswo gibt es entweder gar kein Interior Design oder ich muss f\u00fcr das Studium zahlen wie in Hamburg. Da w\u00e4re mein BAf\u00f6G weg&#8220;. Nach einer Pause erg\u00e4nzt sie: &#8222;Eigentlich ist die Idee vom Bachelor, dass immer alle Module von denen, die dasselbe studieren, zusammen passen. In Wirklichkeit ist das aber gar nicht so.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Webseite der Kunsthochschule finden sich Berichte von Studierenden, die den Schritt trotzdem gewagt haben. Hannes war bei der Partneruni in Bergen. Norwegen geh\u00f6rt nicht zur EU. Durch den schlechten Umrechnungskurs des Euro zur Norwegischen Krone sind die Lebenshaltungskosten dort fast doppelt so hoch. Auch Hagen w\u00fcrde am liebsten nach Skandinavien. Er hat sich Stockholm ausgeguckt: &#8222;Der Studiengang Grafikdesign und Illustration ist von den Inhalten her unserem hier sehr \u00e4hnlich. Portfolio erstellen, Letter of Motivation schreiben &#8211; n\u00e4chste Woche muss beides noch rausgehen. Ich will im n\u00e4chsten Sommersemester weg sein.&#8220; Um sein Studium in der Regelstudienzeit abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, will Hagen sich von den Professoren Hausaufgaben mitgeben lassen, die er dort erledigen kann. &#8222;Man braucht eine bestimmte Anzahl an Credits, damit einem das Semester anerkannt wird. Ich will im 3. und 5. Semester ein paar Kurse aus dem 4. mitnehmen, um gen\u00fcgend Credits anzusammeln.&#8220; Hagen organisiert das alles auf eigene Faust. Die Hochschule besitzt in seinem Fall keine Kontakte, die er nutzen k\u00f6nnte. Sollte seine Bewerbung in Schweden keinen Erfolg haben, geht er nach Maastricht: &#8222;Da ist eine Partnerhochschule von uns, angebunden \u00fcber das ERASMUS-Programm.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Hochschule nach der Hochschule<\/h4>\n\n\n\n<p>&#8222;Angeblich ist der Bachelor nichts Halbes und nichts Ganzes&#8220;, schildert Marleen die aktuelle Lage: &#8222;Das ist unglaublich. Wenn man quasi ausgelernt hat, kommt man nicht sofort in den Beruf rein sondern wird gezwungen, erst einmal ein Praktikum zu machen. Das wird selbst unseren Diplomern abverlangt.&#8220; Praktika dieser Art dauern in der Regel ein halbes bis ein ganzes Jahr. Ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis entsteht nicht. Lisa vermutet: &#8222;Anscheinend lohnt sich das f\u00fcr die Firmen anders nicht. Ein bis zwei Monate in der vorlesungsfreien Zeit w\u00e4ren f\u00fcr mich genug, um ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Firma und die Jobs zu bekommen.&#8220; F\u00fcr die Bewerbungsmappe springt meist nichts dabei heraus, wissen die Studierenden. Maria merkt an: &#8222;Du bearbeitest pro Tag hundert Bilder \u00fcber Photoshop oder kochst Kaffee. Was soll das in der Mappe, mit der ich mich um einen Master-Platz bewerbe?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles hat sich ge\u00e4ndert f\u00fcr die Gestalter und K\u00fcnstler von morgen, nur eines nicht: &#8222;Alles geht \u00fcber die Mappe. Welche Agentur k\u00fcmmert sich um den Notendurchschnitt oder die Urkunde? Zu neunzig Prozent z\u00e4hlen die Arbeitsproben, die daneben liegen&#8220;, merkt Tim Albrecht an. &#8222;Und auch die Hochschulen suchen sich ihre Studierenden danach aus.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aktiv beteiligte sich der Graphikdesigner w\u00e4hrend seines Studiums und sp\u00e4ter als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Aussch\u00fcssen an der Umgestaltung der Kieler Kunsthochschule. Die Drittsemester kennen ihn und loben seine Einf\u00fchrungskurse zum neuen Modulsystem. Seit einem Jahr lehrt er an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste in Hamburg. Den aktuellen Stand kenne er nicht, kann aber grunds\u00e4tzlich die Schw\u00e4chen der Kieler L\u00f6sung benennen: &#8222;Das ist die leistungsbezogene Mittelzuteilung vom Land, manifestiert im neuen, 2007 verabschiedeten Hochschulgesetz und ihre strenge, formale Umsetzung innerhalb der Hochschule. Das hat zur Folge, dass immer mehr junge Leute sich die bestehenden Kapazit\u00e4ten teilen m\u00fcssen. Denn das war die entscheidende Voraussetzung f\u00fcr die Freigabe aller Pl\u00e4ne durch die Landespolitik: Der Umbau zur Kunsthochschule sollte kostenneutral erfolgen. Personalkosten steigen in der Regel schneller an als das Gesamtbudget der Hochschule, daher schrumpfen die Mittel f\u00fcr Investitionen, Projekt- und Sachmittel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so teilen sich bei stetig steigenden Immatrikulationszahlen nun bereits zwei Studierende einen Computerarbeitsplatz. &#8222;Alle k\u00f6nnen keinen Master machen. Die personelle Ausstattung reicht gar nicht, um in jedem der Schwerpunkte Typographie, Foto, Konzeption und Entwurf, Digitale Medien, Time Based Media einen Abschluss anzubieten&#8220;, vermutet Tim Albrecht mit Blick auf das Kommunikationsdesign. Daher stieg der Druck, in einem fest gesetzten Zeitrahmen das Studium tats\u00e4chlich abzuschlie\u00dfen und die Hochschule munter in Richtung Arbeitsmarkt zu verlassen. &#8222;Mehr Abschl\u00fcsse in geringerer Zeit bei stagnierendem Budget&#8220; bringt Tim Albrecht das Programm der schleswig-holsteinischen Bildungspolitik auf eine Formel. Eines erstaune ihn bei den bisherigen Abschl\u00fcssen: &#8222;Das hohe Qualit\u00e4tsniveau der Abschlussarbeiten. Die frischen Graphiker aus Kiel k\u00f6nnen sich neben denen aus anderen Hochschulen durchaus sehen lassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Transversale Querschnittskompetenz<\/h4>\n\n\n\n<p>Er f\u00fchrt das unter anderem auf den Geist der Schule zur\u00fcck, die Gemeinschaften in den Arbeitsr\u00e4umen, das gute Umgangsklima der Studierenden untereinander, aber auch zu deren knapp drei\u00dfig Professorinnen und Professoren, den erfahrenen Werkstattleitern und Lehrbeauftragten.<\/p>\n\n\n\n<p> &#8222;Wer wirklich Kunst macht, der wei\u00df, was er braucht. Die Schule dient in erster Linie als kreativer Pool, als ein Ort, wo Raum und Zeit zur Verf\u00fcgung gestellt werden, wo Kunststudenten sich ganz ihren Ideen, der Umsetzung und Reflexion der eigenen Arbeit durch einen Dozenten und den Mitstudenten hingeben k\u00f6nnen&#8220;, sagt Anna Straube. Sie studierte bis 2004 Freie Kunst auf Diplom in Kiel. Die freischaffende Malerin lebt heute in Berlin. Gemeinsam mit Tim Albrecht und anderen Studierenden entwarf und k\u00e4mpfte sie damals f\u00fcr ihr Idealbild von einer Kunsthochschule, ohne es umsetzen zu k\u00f6nnen. &#8222;Das heutige System geht auf Kosten der Unschuld. In der Malerei brauche ich Zeit, die Techniken zu erlernen und ein Repertoire zu entwickeln, um \u00fcberhaupt alles malen zu k\u00f6nnen, was ich will. Vorher brauche ich nicht auszustellen. Ein guter Professor erkennt das und bewahrt mich vor zu schnellen Schritten. Jeder hat dabei sein eigenes Tempo. Wer k\u00fcrzer studieren wollte, konnte das. In der Regel dauerte es zehn bis zw\u00f6lf Semester, bis man seinen Schutzraum Richtung Kunstmarkt verlassen konnte. Da herrscht der freie, auch chaotische Kapitalismus, der wie ein Tier gierig seine Beute verschlingt: den unverbrauchten, exzellent ausgebildeten Nachwuchsk\u00fcnstler. Eigentlich br\u00e4uchte es f\u00fcr diese Art Studium eine Altersbeschr\u00e4nkung: Bitte nicht vor Vollendung des 24. Lebensjahres bewerben.&#8220; Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Einf\u00fchrung des achtj\u00e4hrigen Gymnasiums klopfen bereits Bewerber an, die noch nicht vollj\u00e4hrig sind. &#8222;Wir veranstalten hier kein Formel-Eins-Rennen, wo bei gleicher Rennstrecke immer neue Streckenrekorde gebrochen werden&#8220; &#8211; in Rainer W. Ernst scheint sich die Muthesius Kunsthochschule einen Pr\u00e4sidenten mit riesigem Schutzmantel gew\u00e4hlt zu haben. Er wirkt fest entschlossen, als er sagt: &#8222;Hochschullehrer sind keine Erf\u00fcllungsgehilfen der Politik. Im neuen System gibt es manch gute Entwicklung, beispielsweise den Hochschullehrer auf Zeit; und der Verschlampung von Mitteln und Ressourcen wird ebenfalls Einhalt geboten. Aber die vielen Kontrollen und der Leistungsdruck, den die Politik augenblicklich erzeugt, tut dem System nicht gut. Das Land kann eigentlich stolz sein. Es gibt hier vieles, womit man punkten k\u00f6nnte, wenn man es beherzter anpacken w\u00fcrde. Ein Grund, sich f\u00fcr Kiel zu entscheiden, waren f\u00fcr mich die Exzellenz-Cluster, die Kooperationen zwischen den Hochschulen im Land, wie bei dem Projekt &#8222;Future Ocean&#8220;, an dem wir ebenfalls beteiligt sind. Hochspezialisierte Fachkr\u00e4fte aller Disziplinen kommen dort zusammen. Da geht es vor allem um eines: unser Wissen und die gemeinsame Erforschung der Welt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der nachfolgende Bericht \u00fcber die Muthesius Kunsthochschule in Kiel entstand 2009 im Auftrag der Kunstmarktzeitung \u201eKunst und Auktionen\u201c. Ver\u00f6ffentlicht wurde er am 24. Oktober im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH &amp; Co KG, Hamburg. Im Jahr 2008 k\u00f6nnen Autos fliegen. Vor zehn Jahren nahmen Experten das an. 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