{"id":122,"date":"2012-08-17T17:11:15","date_gmt":"2012-08-17T15:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.panama-sh.com\/wp\/?p=122"},"modified":"2020-05-20T19:12:55","modified_gmt":"2020-05-20T17:12:55","slug":"burnout-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/panama-sh.com\/wp\/burnout-syndrom\/","title":{"rendered":"Burnout-Syndrom."},"content":{"rendered":"<h5><span style=\"color: #333399;\">Kommentar zur documenta (13)<\/span><\/h5>\n<h4>W\u00e4hrend der documenta wird Kassel zur B\u00fchne f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst. Vier Tage spielte ich dort mit &#8211; in der Rolle einer Reporterin. Dieses Auf-der-B\u00fchne-Sein erzeuge eine lebhafte und lebendige Zeit des Hier und Jetzt, orakelte Carolyn Christov-Bakargiev. Damit sollte sie Recht behalten. <!--more--><\/h4>\n<p>Ich flanierte zwischen k\u00fcnstlerischen Gedanken und Visionen, als w\u00e4ren es meine eigenen. In mir dr\u00f6hnte das globalisierte Hier und Jetzt: Claire Pentecosts Soil-erg statt Petro-Dollar! Respektiert Tiere und Pflanzen als ebenb\u00fcrtige Wesen! Kampf dem Gen-Food und dem Konsumterror! Widersetzt Euch den Weltkonzernen! Nehmt die Erdatmosph\u00e4re auf als UNESCO-Welterbe! Und Partei f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten! Diese Position, erkl\u00e4rt die Leiterin der documenta (13) im Katalog, sei ein Geisteszustand. Jawohl!<\/p>\n<p>Mit brennenden Augen nach rund drei\u00dfig Stunden Kunstschau notierte ich &#8222;Burnout-Syndrom, unser Volksleiden Nummer Eins&#8220; an den Rand ihrer Ausf\u00fchrungen im Kapitel IV &#8222;plaziert und postiert sein&#8220;. Denn in Kassel \u00e4u\u00dfert sich das Problem westlicher Lebensbew\u00e4ltigung in der Frage: &#8222;Wie schaffe ich, alles zu sehen?&#8220;<\/p>\n<p>Allein \u00fcber f\u00fcnfzig Kunststandorte w\u00e4ren in der Karlsaue aufzusuchen, rund vierzig verteilen sich \u00fcber die Innenstadt, darunter zehn, die als Hauptorte aufgef\u00fchrt werden. Wo anfangen? Wo aufh\u00f6ren? Jeder hat darauf eine andere Antwort. Besonders lang f\u00e4llt die Liste aus, befrage ich Bewohner Kassels: Die Mappa von Alighiero Boetti im Fridericianum soll ich sehen, den Bienenkopf&nbsp; von Pierre Huyghe und die Baumbronze mit Stein von Guiseppe Penone, jeweils an entgegengesetzten Enden der Karlsaue &#8211; und, und, und&#8230;<\/p>\n<p>Ach ja, alle schw\u00e4rmen von der Rauminstallation von William Kentridge. Ist mir ein R\u00e4tsel, wieso der als Star der Schau gilt! Geht denn keiner mehr ins Theater? Allein mit seiner Arbeit &#8222;The Refusal of Time&#8220; verbrauchte ich eine halbe Stunde, dazu kamen Filme von Javier Tellez, Jessica Warboys und jugendgef\u00e4hrdende Videoarbeiten von Tejal Shah. Ich war wohl den halben Tag mit Filmgucken besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Aber klar, wer in Kassel wohnt, hat hundert Tage Zeit! Jetzt ist erst Halbzeit. Zehntausend Dauerkarten wurden verkauft. das sei ein neuer Rekord, jubelt die Stadt. Das ist Burnout-Pr\u00e4vention, kontere ich, und gehe jede Wette ein, wir Kieler w\u00fcrden mehr schaffen. Denn Kassel frisst sich satt, alle f\u00fcnf Jahre, w\u00e4hrend die wahre Provinz nach Teilhabe hungert.<\/p>\n<p>Paris, New York, London, Bombay, Mexico City, S\u00e3o Paolo, Neu Delhi, Bangkok, Singapur &#8211; dies ist ein Auszug aus der Liste von Megalopolen, die die K\u00fcnstler von d(13) als ihr Lebenszentrum angeben. Einige, wie der in Florida geborene Aman Mojadidi, z\u00e4hlen mehrere Standorte gleichzeitig auf. Aktuell will er in Kabul, Dubai und Paris leben. Emily Jacir nennt gleich den gesamten Mittelmeerraum und Maria Thereza Alves &#8222;Europa&#8220;, was zum dehnbaren Begriff geworden ist. Tarek Atoui lebt sogar &#8222;nomadisch&#8220; und die in Kairo geborene Anna Boghiguian &#8222;in dieser Welt&#8220;. Wie cool ist das denn?<\/p>\n<p>Dazu passt die Idee von Carolyn Christov-Bakargiev, nicht nur Kassel allein w\u00e4hrend der documenta zu bespielen, sondern auch Kabul, Kairo und Banff in Kanada. Neben &#8222;Auf der B\u00fchne&#8220; g\u00e4be es n\u00e4mlich noch &#8222;Unter Belagerung&#8220;, &#8222;Im Zustand der Hoffnung oder des Optimismus&#8220; und &#8222;Auf dem R\u00fcckzug&#8220; als weitere Positionen. Die zus\u00e4tzlichen Schaupl\u00e4tze w\u00fcrden diesen Zust\u00e4nden entsprechen, in Teilen oder &#8211; wie bei Kabul mit Bamiyan &#8211; in Summe.<\/p>\n<p>Auch Arnold Bode hat 1955 das von Faschismus und Krieg gezeichnete Deutschland mit Kunst vernetzen wollen, jedoch kaum \u00fcber geopolitische Kategorien. Auf seiner ersten documenta waren 145 K\u00fcnstler aus Europa und den USA vertreten, deren &#8222;Leistung des Rad der Kunstgeschichte entschieden vorangetrieben haben oder noch vorantreiben&#8220;, res\u00fcmierte damals ein Kollege. Zwei Stunden Zeit sollten sich Besucher f\u00fcr den Rundgang nehmen. Dabei konnten sie Gem\u00e4lde Giorgio Morandis sehen, Bilder &#8222;von bezwingender Welthaltigkeit&#8220;, so urteilte ein zeitgen\u00f6ssischer Kritiker.<\/p>\n<p>Carolyn Christov-Bakargiev hat sie wiederentdeckt und in ihr &#8222;Brain&#8220; integriert. Dort, f\u00fcr die Rotunde des Fridericianums, lohnt das Anstehen. Nehmen Sie sich daf\u00fcr alle Zeit der Welt. Versenken Sie sich in den Flussstein und die daneben liegende Kopie aus Carrara-Marmor von Giuseppe Penone. Was Kunst ist, wissen Sie danach. Mit etwas Gl\u00fcck begegnen Sie einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Kunst. Ich vernahm: &#8222;Lebt doch!&#8220;<\/p>\n<p><em>Ausstellungsbericht f\u00fcr die Fachzeitung \u201eKunst und Auktionen\u201c, erschienen am 17. August 2012 im ZEITkunstverlag, Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar zur documenta (13) W\u00e4hrend der documenta wird Kassel zur B\u00fchne f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst. Vier Tage spielte ich dort mit &#8211; in der Rolle einer Reporterin. Dieses Auf-der-B\u00fchne-Sein erzeuge eine lebhafte und lebendige Zeit des Hier und Jetzt, orakelte Carolyn Christov-Bakargiev. 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